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Sokrates: Da aber weder die Wissenden noch die von den Nicht-Wissenden, die wissen, daß sie nicht wissen, Fehler begehen, welche bleiben dann noch übrig als die, die nicht wissen, aber glauben, daß sie wissen?

Alkibiades: Nur diese.
Sokrates: Dieses Unwissen also und die schimpfliche Unbelehrbarkeit sind die Ursache für das Schlechte.

Streifzüge

Mit diesen Fragen sind im wesentlichen die Themen umrissen, mit denen sich Philosophen beschäftigen. Von dieser Stelle aus wollen wir Streifzüge in ihre Gedankenwelt unternehmen. Wie schon an anderer Stelle, so sei auch hier gesagt: Wer mit den Ansprüchen eines "studierten Philosophen" hier nach neuer Erkenntnis sucht, wird enttäuscht sein. Die Absicht dieser Texte ist es, demjenigen, der sich nie zuvor mit derartigen Themen beschäftigt hat, eine ungefähre Vorstellung davon zu vermitteln, über was die "Studierten" eigentlich sprechen und warum sie das tun.

Philosophie bedeutet Liebe zur Weisheit.


1. Die Schaffung des Gottesbegriffs als Erklärung für die Fährnisse des Lebens

Realistische Einschätzung des Lebens - Die Gründe - Gott und Götter

Gegeben ist der unabänderliche Gang des Lebens: spielen, lernen, Geld verdienen, Rente, Tod. Der größten Teil wird damit verbracht, durch Arbeit ständig für den Erhalt des Lebens sorgen. Die Sorge um die Zukunft ist Begleiter durch das ganze Leben. Karl R. Popper: "Alles Leben ist Problemlösen". (Manches relativiert sich: wenn ein Tier Hunger hat, kann es keine Nahrung kaufen, es muß sie selbst fangen oder finden. Manchen Menschen geht es allerdings nicht besser.)
Warum ist das so? Die Welt funktioniert eben so. Falls man aber die Frage stellt: "Womit haben wir das verdient?", stößt man bei den Hebräern auf die Geschichte vom Sündenfall, dem die Strafe des irdischen statt des paradiesischen Lebens folgt. Bei den Griechen wird Prometheus, der Titanenabkömmling, mit dem täglichen Verlust der Leber bestraft: er schuf die Menschen und gab ihnen das den Göttern gestohlene Feuer. Seine Bestrafung nützt uns aber gar nichts: aus der Büchse der Pandora kam das Übel und es bleibt dabei, daß die Götter den Geschöpfen des Prometheus nicht wohlgesonnen sind. Man kann sie durch Opfer besänftigen, muß aber lebenslang mit ihrer Mißgunst rechnen. (Die Erschaffung des Menschen geschieht übrigens in der hebräischen und griechischen Version auf dieselbe Weise: aus Erde geformt, zum Leben erweckt durch den göttlichen Atem.)
Das Wort „Gott“ ist, von Menschen geschaffen, in der Welt, wir kommen also nicht umhin, über Gott oder die Götter zu sprechen.

2. Das Ebenbild und der Urknall

Das Postulat des  Ebenbildes – Die Erschaffung der Welt

Gott hat den Menschen in der hebräischen Version „zu seinem Bilde“ erschaffen, in der griechischen Mythologie schuf ihn Prometheus „nach dem Ebenbilde der Götter“. Es geht auch umgekehrt: Atheisten wie Ludwig Feuerbach sagen, daß die Menschen Gott nach ihrem Bilde erschaffen haben („Das Wissen von Gott ist das Wissen des Menschen von sich“).
Wie auch immer: wenn von Gott die Rede ist, dann immer von einem Wesen, dem wir wegen der angenommenen Ähnlichkeit Fähigkeiten zusprechen, die wir ansatzweise auch haben. Nur hat es diese in höchster Vollendung. Und daraus läßt sich trefflich schließen, daß Gott - wenn wir beim Monotheismus bleiben - der Schöpfer der Welt (und des Menschen) ist.
Kann Erfahrungswissenschaft eine solche Vermutung bestätigen? Zu Beginn der Neuzeit hat der Deismus die damals neu erkannten und für wunderbar befundenen Naturgesetze als Beweis für die Existenz göttlicher Weisheit interpretiert. In späterer Zeit hat u. a. die Geologie gezeigt, daß die Welt nicht eines Tages erschaffen und seitdem unveränderlich existiert, sondern einem ständigen Wandel unterliegt. Auch die Evolution zeigt, daß die Entwicklung des Lebens mit der Bildung neuer Arten einhergeht, die auf der Wechselbeziehung zwischen Zufall und Gesetz beruht. Konsequentes Weiterdenken in diese Richtung führt zur Annahme der Selbsterzeugung (Autopoiesis) der Welt und macht den Schöpfergott überflüssig. Andererseits können aber genau diese Prinzipien von Gott geschaffen worden sein, so daß die Welt sich nach ihnen entwickelt.. Kurz: Erfahrungswissenschaften können keine Antwort auf Frage nach der Existenz des Schöpferwesens geben.
Mittels der Naturwissenschaft läßt sich die Antwort auf die Frage nach der Existenz oder Nichtexistenz Gottes nicht finden. Und schon gar nicht liefert sie Hilfestellung bei der mich bewegenden, manchen vielleicht seltsam erscheinenden Frage, ob man sich persönlich für den Glauben oder den Atheismus entscheiden soll.

3. Religionen

Die Koexistenz des Einleuchtenden und des Seltsamen

Kann die Philosophie die Frage beantworten, die die Naturwissenschaften nicht beantworten können? Oder kann sie die Frage zumindest aus einem anderen Blickwinkel betrachten? Die Frage nach der Existenz Gottes impliziert die Frage nach der Stellung des Menschen gegenüber Gott und der Schöpfung, die Frage nach dem Sinn der eigenen Existenz. Darauf geben die Religionen unterschiedliche Antworten.
Aus Persien stammt eine in die hebräische Religion eingeflossene Idee: die mit dem Sündenfall in die Welt gekommene Unbill des Lebens ist das Werk eines Gegenspielers Gottes. War vor dem Aufkommen dieser Idee die Strafe unabwendbar und ewig, ohne Aussicht auf Besserung in einem Leben nach dem Tode, so steht mit dem Kampf gegen den bösen Feind plötzlich eine Alternative im Raum. Kann ein erfolgreicher Kampf des Einzelnen gegen das Böse vielleicht Erlösung bedeuten? In einer diese Möglichkeit als real annehmenden jüdischen Sekte finden sich Wurzeln des Christentums: Erlösung steht im Mittelpunkt.
Der hebräische Gott des Alten Testaments, der auch der Gott der Christen ist, sorgt selbst für die Erlösung: er schickt seinen Sohn zu den Menschen. Dieser Jesus von Nazareth ist nun nicht einfach Sohn, sondern menschgewordener Gott. Sein Leiden - von der Beschimpfung als Gotteslästerer durch die Juden bis hin zur Kreuzigung als politischer Rädelsführer durch die Römer - ist die Erlösung des Menschen. Es ist aber ein Tauschgeschäft: Gott verlangt ein rechtschaffenes Leben und beim Jüngsten Gericht kommt für jeden Einzelnen die Wahrheit an den Tag. Himmel oder Hölle. Damit hat das irdische Leben einen Sinn und ein Ziel.
(Wie geht das eigentlich? Wie kann der allmächtige Schöpfer einen menschlichen "Sohn" haben, und das auch noch mit einer menschlichen Frau? Wie funktioniert das mit der Erlösung? Wieso muß Gott dazu Schmerzen leiden? Und wieso bewirken die Schmerzen Erlösung? Und ist die Hölle leer, weil auch dem schlimmsten Verbrecher vergeben wird?)
"Christ sein [bedeutet] bestimmte Erzählungen von Gott, seinem Sohn, der Mutter Gottes, dem Teufel usw. für wahr zu halten. Nun ist der Zusammenhang der heiligen Geschichten, die die Christen erzählen, keineswegs besonders überzeugend. Deshalb glaubt sie niemand außer den Christen." (Simon-Schaefer).
Wie das rechtschaffene Leben auszusehen hat, ist in den Geboten festgelegt, die als Handlungsanleitung dienen. Darunter findet sich die Nächstenliebe, die dazu auffordert, dem Geringsten unter den Mitmenschen so gegenüberzutreten, wie man Gott gegenübertreten würde. So schön, so einleuchtend. Aber da gibt es auch seltsame Stellen in der Heiligen Schrift: die Vorwegnahme Hiroshimas durch die Vernichtung Sodoms und Gomorrhas oder die fast völlige Auslöschung der Menschheit in der Sintflut. Sollte der Gott der Christen etwa ein Fall für den Internationalen Gerichtshof in Den Haag sein?
Nur Seltsamkeiten oder schwere Mängel?
Jedenfalls sah es die christliche Kirche als Notwendigkeit an, die heiligen Geschichten von der Dreifaltigkeit, vom Teufel, die Dogmen nicht nur zu verteidigen, sondern anderen Menschen nahezubringen - und zwar mit Gewalt: Kreuzzüge, Inquisition. Der vermeintliche Besitz der Wahrheit hat für andere stets schlimme Folgen.
Wehe dem, der die Wahrheit nicht "erkennt"! Daß die Juden sich nicht missionieren ließen, haben die Christen ihnen besonders übelgenommen. Die Folgen, besonders in Deutschland, sind bekannt. Und für den, der im Zeitalter der Inqusition gefoltert wurde, war die christliche Botschaft auch nicht froh. Von außen betrachtet zeigt sich das vordergründig die Nächstenliebe fordernde Christentum so als eine fanatische, intolerante Religion. Wahrlich eine seltsame Koexistenz des Schönen und des Bösen.
Die mich am meisten erfreuende Mission war immer noch die der Blues Brothers: "Wir sind im Auftrag des Herrn unterwegs".

Nathan der Weise

Keiner der drei Ringe in Lessings Ringparabel ist echt, und wenn es einen solchen gab, so ist er - wie die "Wahrheit" - verlorengegangen. Das bedeutet: keine der drei Religionen ist "wahr". Weder das Judentum, das die Hebräer auf Grund des Bundes Gottes mit Abraham als das auserwählte Volk ansieht. Noch das missionarische, von der Sünde der Selbstgerechtigkeit durchwirkte Christentum. Noch der Islam, der immerhin eine partielle Anerkennung seiner beiden Ursprungsreligionen leistet.
Das Für-wahr-Halten von Geschichten, die Zugehörigkeit zu einer Religion, spielt nämlich überhaupt keine Rolle, nur das Tun: "An ihren Werken sollt ihr sie erkennen" (Jesus von Nazareth, ca. 7 v.Chr bis 30 n. Chr.).
Diese Aufforderung sei trotz alledem eine erste Handlungsanleitung für jedermann. Kants kategorischen Imperativ besprechen wir später.

4. Zurück zu grundlegenderen Überlegungen


Die vermenschlichten Götter der Griechen waren Götter für das Volk. Für Philosophen (hier ist als einer der ersten Xenophanes zu nennen) war ein so simples Bild nicht befriedigend, die große Anzahl und die Menschenähnlicheit der Götter bringt keinen Erkenntnisgewinn. An ihre Stelle trat z. B. bei Aristoteles der Demiurg, der Weltenschöpfer. Er ist Geist und in diesem Sinne ein persönlicher Gott, dem aber keine Eigenschaften zugeschrieben werde. Als Weltenschöpfer  ist er aller Dinge mächtig, eben allmächtig. Und das bedeutet Vollkommenheit, und die Sorgen menschlicher Existenz sind ihm deswegen unbekannt.
Autopoiesis oder Schöpfergott - das war die Frage, die sich auch den griechischen Philosophen stellte. Wie auch immer die Antwort lautete, blieb die Frage, was davor, vor dem Beginn der Welt war (Eine heute immer noch aktuelle Frage: Was war vor dem Urknall? Und wie sinnvoll ist die Frage eigentlich?)
Es heißt gelegentlich, die Annahme eins Schöpfergottes - sei es der hebräische, sei es der Demiurg - sei gleichbedeutend mit der These, es gebe eine allererste Ursache. Diese Ursache unterscheidet sich deutlich von den in unserer Welt existierenden oder geschehenden Ursachen: sie kann naturgemäß nicht Wirkung einer vorangegangenen Ursache sein, denn dann wäre sie nicht die erste. Sie muß daher Ursache ihrer selbst sein und damit hat sie keinen Anfang: das Geschaffene hat einen Anfang, das schaffende Prinzip aber nicht. Dies ist das am Anfang der Zeit liegende Ende der Kausalitätskette. Heute stellen seriöse Physiker Spekulationen über die Zeit vor dem Urknall, die Zeit vor der Zeit an - in diesem Sinne kehrt die Physik zurück zur Naturphilosophie.

23. Juli 2009 - Fortsetzung folgt

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