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Weisheit ist nicht das Ergebnis von Schulbildung, sondern des lebenslangen Versuchs, sie zu erwerben.
Albert Einstein

Philosophen

Die Anfänge der abendländischen Philosophie liegen im antiken Griechenland, dessen Geschichte deshalb hier kurz angerissen sei. Nachdem auf dem Gebiet des späteren Griechenland in der Bronzezeit des 2. Jahrtausends v. Chr. die minoische und die mykenische Kultur angesiedelt waren, folgte zwischen dem 11. und 8. Jahrhundert v. Chr. das Dunkle Zeitalter, aus dem keine schriftliche Quellen und nur sehr wenige archäologische Funde vorliegen; daher sein Name. Im 8. Jahrhundert, in dem auch Homer lebte, begann die Kolonisation des Mittelmeerraums und die Etablierung der Polis, des griechischen Stadtstaates, der sich in der darauf folgenden archaischen Zeit im 7. und 6. Jahrhundert zur vollen Blüte entwickelte. Ab ca. 500 spricht man vom klassischen Griechenland, das als Fundament der abendländischen Kultur gilt und eine Zeit des politischen, kulturellen und ökonomischen Aufschwungs war. Es begann mit der Abwehr der Perser in der Schlacht bei Salamis, umfaßte die Blütezeit unter Perikles, aber auch den Peloponnesischen Krieg mit der Niederlage Athens und seinem anschließenden Wiederaufstieg. Mitte des 4. Jahrhunderts begann in Makedonien mit den ersten Feldzügen Alexanders des Großen die Zeit des Hellenismus, in der ein von Indien bis Ägypten reichendes Weltreich geschaffen wurde. Nach wechselvoller Geschichte unter den Nachfolgern Alexanders (Diadochenreiche) begannen die Römer dort politischen Einfluß zu nehmen; 212 wurde Archimedes in Syrakus durch einen römischen Soldaten erschlagen, 146 wurde Griechenland römische Provinz. Die Annexion Ägyptens durch Rom im Jahre 30 v. Chr. gilt als das Ende des hellenistischen Zeitalters.


Thales von Milet (624-546)

Traditionell ist der Beginn der Philosophiegeschichte mit dem Namen Thales von Milet verbunden, dem ersten der ionischen Naturphilosophen. Es ist allerdings keine von ihm selbst stammende schriftliche Aufzeichnung bis in die heutige Zeit überliefert. Daher ist es nicht sicher, welche der ihm zugeschriebenen Erkenntnisse wirklich von ihm stammen. In fast allem sind wir auf die Darstellungen Platons oder Aristoteles' angewiesen, die aber anscheinend noch von ihm selbst verfaßte Schriften besaßen, denn sie nehmen nicht nur häufig darauf Bezug, sondern zitieren daraus wörtlich (s. u.). Konsens ist aber, daß Thales hervorragende mathematische und astronomische Kenntnisse besaß, die er teils in Ägypten erworben hat, teils, aus eben dieser Quelle gespeist, selbst entwickelte. Man schreibt ihm auch die Erkenntnis zu, daß es in der Natur Abhängigkeiten von Größen untereinander, also Naturgesetze gibt. Thales lebte in der Zeit der griechischen Kolonisation, als neue Städte ("Pflanzstädte") im westlichen Mittelmeerraum, in Nordafrika und an den Küsten des Schwarzen Meeres gegründet wurden, besonders in Süditalien und Sizilien, dem später so bezeichneten Magna Graecia. Er kam aus der florierenden und zeitweilig auch politisch mächtigen ionischen Hafenstadt Milet. Man kann wohl sagen, daß Milet durch vielfältige Kontakte zu den rund um das östliche Mittelmeer liegenden Handelspartnern eine Art Schmelztiegel mit einem anregenden kulturellem Klima darstellte, in dem neue Ideen und kritische Nachfragen gedeihen konnten. Für Thales (der nicht nur Philosoph, sondern auch Kaufmann, Politiker, Astronom und Ingenieur war) bildete die Frage nach dem Ursprung und dem Urgrund allen Seins
(αρχή) einen der Mittelpunkte seines Interesses. Dies war eine grundlegend neuartige Frage, deren besondere Bedeutung darin lag, daß bei der Suche nach dem Ursprung der Welt erstmals nicht mehr auf mythologische oder religiöse Vorstellungen zurückgegriffen wird. "Thales entmythologisierte die natürlichen Phänome" (Mansfeld). Bei Aristoteles finden wir dazu folgendes: „Denn es muß eine gewisse Substanz vorhanden sein, entweder eine einzige oder mehrere, aus denen alles übrige entsteht, während sie selbst erhalten bleibt. Thales, der Begründer einer solchen Denkweise, erklärt das Wasser als den Urgrund.“ Thales (laut Aristoteles): "Das Wasser ist der Ursprung allen Seins, alles ist dem innersten Wesen nach Wasser." Am Anfang gab es nur Wasser, es verdunstete und zurück blieben die Meere. Auch das Leben stammt aus dem Wasser. Die Idee, daß der Mensch sich aus etwas Primitiverem, letztlich dem Wasser, entwickelt hat (Deszendenzlehre), tritt hier zum ersten Mal auf.
Eine andere Aussage Thales' wird bei Aristoteles zitiert: "Alles ist voll von Göttern". Wie paßt das mit
der durch Thales vorgenommenen  Entmythologisierung zusammen? Dazu Mansfeld: "Meiner Meinung nach bezieht sich diese Aussage aber nicht auf eine Wiedereinführung der alten Götter, sondern auf die Annahme, daß die alte Ausnahmestellung [Hervorhebung durch mich, RK] des Göttlichen vorüber sei. Sein Gottesbegriff deckt sich nicht mit dem der Mythologie." Vielmehr gehe es um die "in den unscheinbarsten Dingen versteckten Wunder".

Anaximander (611-546)

Anaximander, ebenfalls aus Milet und wahrscheinlich ein Schüler Thales', suchte wie dieser den Ursprung der Dinge, stellte aber weitergehende Fragen. Denn die Aussage, daß alles "dem Wasser" entstamme, ist ja nicht so ganz befriedigend. (Wieso ist Thales eigentlich bei dieser These "stehengeblieben" und hat nicht nach der Herkunft des Wassers gefragt?)
Anaximander führt alles auf etwas zurück, das selber keines Ursprungs bedarf, das Apeiron
(απειρον), das Unbeschränkte, das Unerschöpfliche. Dem gegenüber steht das Beschränkte, die Welt der menschlichen Erfahrung. Anders als das Beschränkte ist das Apeiron nicht entstanden, es altert es nicht und es hat kein Ende: es ist auch zeitlich unbeschränkt.
Seine Verbindung zu "unserer" Welt, also zum Beschränkten, besteht in Elementarkräften, die sich aus einem vom Apeiron spontan abgestoßenen "samenartigen Etwas" bilden. Dieses vereint in sich das trockene, heiße Feuer und das feuchte, kalte Wasser. Da diese sich bekanntermaßen nicht vertragen, kommt es zu einer Art "Urknall", in dessen Folge aus dem Feuer die Sonne und die Gestirne entstehen und aus der Feuchte und einem erhärteten Kern die Erde.

Auch das Leben entsteht unter dem Einfluß des Feuers aus feuchtem Erdschleim, mit einer Ausnahme: der Mensch, der für seine Entwicklung relativ lange braucht, ist in einem Fisch entstanden. Bei Plutarch heißt es: "[Anaximander sagt,] ursprüglich seien die Menschen in Fischen zur Entwicklung gekommen und dort ernährt worden - wie es beim glatten Hai der Fall ist..."
Das kalte Feuchte und das warme Trockene stehen von da an in ständigem Kampf miteinander, und dieser fortwährende Kampf der Elementarkräfte ist der Grund für das geordnete Nacheinander des Zeitablaufs, der Unausweichlichkeit der Aufeinanderfolge von Ursache und Wirkung - diese Idee stellt die "Entdeckungsurkunde des physikalischen Zeitbegriffs" (Mansfeld) dar.
Götter kommen bei Anaximander nicht vor, an die Stelle des Persönlich-Göttlichen ist das überpersönliche Unbeschränkte getreten.
 
 


Letzte Bearbeitung dieser Seite: 24.12.2011
Letzte Bearbeitung davor (alte Version): 25.11.2011

Fortsetzung folgt (Januar 2012)


Anaximenes (585-525)
Pythagoras (570-510)
Parmenides von Elea (~540-480)

Heraklit von Ephesos (~540-480)
Empedokles (494-434), Philolaos (470-399)
Leukipp (5. Jh.), Demokrit (460-371)
Anaxagoras (499-428), Diogenes von Apollonia
(499-428)
Die Sophisten

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Literaturliste (unsortiert)

Mansfeld, J: Die Vorsokratiker I. Stuttgart 1999 (Reclam UB 7965) ISBN 978-3-15-007965-2
Weischedel, W: Die philosophische Hintertreppe. 34 große Philosophen in Alltag und Denken. München 1966
Martens, E: Philosophieren mit Kindern. Eine Einführung in die Philosophie. Stuttgart 1999
Simon-Schaefer, R: Kleine Philosophie für Berenike. Leipzig 1996
Detel, W: Grundkurs Philosophie. 5 Bände. Stuttgart 2007
Russo, L: Die vergessene Revolution oder die Wiedergeburt des antiken Wissens. Berlin, Heidelberg 2005
Barceló, P: Kleine griechische Geschichte, Darmstadt 2004
GEO EPOCHE, Das Magazin für Geschichte. Nr. 13: Das antike Griechenland. Von Olympia bis Alexander dem Großen: Die Welt der Hellenen. Hamburg 2004
SPIEGEL SPEZIAL GESCHICHTE, Nr. 2/2008: Götter, Helden, Denker. Die Ursprünge der europäischen Geschichte im antiken Griechenland. Hamburg 2008
Gudej, D: Das Theorem des Papageis, Bergisch Gladbach 2008
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